#wirhaltnzam
Burbuqe Bislimi, Krankenschwester
1. Wie beschreiben Sie Ihre derzeitige Arbeits- und Lebenssituation im Vergleich zu „vor Corona“?
Natürlich hat sich der Arbeitsalltag massiv geändert. Es wird mir wohl jede und jeder beipflichten, egal ob Pflegeperson oder nicht, dass es einen deutlichen Unterschied macht, ob man bei 20 Grad oder bei 35 Grad arbeiten muss. Die Konzentration ist geschwächt, durch das Beschlagen der Schutzbrille ist die Sicht eingeschränkt und dadurch die Beobachtung der Patientinnen und Patienten auch nicht ideal. Man kann bei einem Notfall nicht einfach wie gewohnt ins Patientenzimmer reinstürmen und die Notfallsituation bewältigen. Das macht eindeutig etwas mit dir. Ich bin es gewohnt in Sekunden vor Ort zu sein. Jetzt muss ich zu meinem eigenen Schutz immer erst die Schutzkleidung anziehen. Dadurch geht natürlich kostbare Zeit verloren. Zum Glück hat es nie einen Moment gegeben, in dem wir dem Patienten oder der Patientin nicht rechtzeitig helfen konnten. Das kann aber durchaus vorkommen.
Privat hat sich durch den Arbeitsalltag, den man ohne es zu wollen doch immer wieder mit nach Hause nimmt, einiges geändert. Ich mache diesen Beruf nicht seit heute. Stehe seit 25 Jahren am Krankenbett. Der Job auf der Intensivstation ist hart und das war er immer. Aber Corona hat die Situation der Pflege, und so auch meine, in besonderem Maße verschärft. Der seit Jahren bestehende Personalnotstand wird in dieser Zeit immer mehr sichtbar. Das äußert sich in Schlafstörungen, unregelmäßigen Mahlzeiten, Überstunden und fehlendem Ausgleich in der Freizeit. Dieser Ausgleich ist in unserer Branche aber besonders wichtig, um den Kopf wieder frei zu bekommen. Man kann nicht immer alleine Laufen gehen oder eine Yoga Übung Zuhause machen. Irgendwann hängt dir das beim Hals raus. Was ich meine ist, raus zu gehen, Menschen zu treffen, das Leben zu leben und zu genießen. Nur so lässt sich der harte Alltag auf der Intensivstation ohne Folgen für die eigene psychoemotionale Gesundheit meistern. Zum Wohle unserer Patientinnen und Patienten und zu unserem eigenen Wohle.
2. Welche Erfahrungen haben Sie im letzten (Corona-) Jahr gesammelt und was möchten Sie den Menschen mitgeben?
Ich habe in diesen 1,5 Jahren gelernt wie nah der Tod eigentlich sein kann. Altersunabhängig. Dass niemand ausgenommen ist. Unsere Zeit ist limitiert und wir sollten sie zu unserem Besten nützen. Das schließt auch unser Umfeld mit ein. Wir müssen uns selbst, genauso wie die Menschen in unserem Leben schützen. Es geht darum gemeinsam füreinander da zu sein und an einem Strang zu ziehen. Wir haben es in der Hand den Weg aus dieser Pandemie zu finden. Nur so kommen wir über diese Krise hinweg.
3. Was sind fünf Sachen, die Sie als erstes machen möchten, nachdem sich die Lage wieder „gelegt hat“ bzw. ein wenig „Normalität“ in den Alltag wiederkommt?
5 Sachen die ich machen würde, wenn „Normalität“ zurückkehrt:
1. Statt des Ellenbogen-Checks ein herzlicher Händedruck, eine feste Umarmung.
2. Auf der Straße auf ein Plauscherl mit wildfremden Leuten stehen bleiben, einfach so. Ohne eineinhalb Meter Abstand.
3. Zuhause bleiben, weil man es möchte.
4. Sich im Kosmetik-Salon verschönern lassen und dabei mit der Kosmetikerin übers Leben philosophieren.
5. Einen dieser endlosen und spontanen Sommertage erleben, an denen man von einer Aktivität in die nächste stolpert. Und irgendwann auf irgendeiner Terrasse sitzt beim dritten Aperitif.
Tarek, Krankenpfleger
1) Wie beschreiben Sie Ihre derzeitige Arbeits- und Lebenssituation im Vergleich zu „vor Corona“?
Ich arbeite mittlerweile seit 2,5 Jahren im Pflegebereich und habe in der Zwischenzeit parallel auch eine Ausbildung zum Notfallsanitäter absolviert. Somit habe ich einen Einblick in die klinische- und präklinische Situation.
Der Arbeitsalltag auf einer Intensivstation war vor Corona schon herausfordernd. Jeder Dienst ist unterschiedlich, ständige Alarmbereitschaft, hohe Flexibilität und dynamische Situationen gehören zum Alltag. Durch Corona hat sich die Dichte an schwersterkrankten Patienten, welche zu betreuen sind, drastisch erhöht.
Somit wurde der ohnehin chronisch knappe Personalstand nochmal verschärft, gepaart mit dem aufwendigen Anlegen der Schutzkleidung und der allgegenwärtigen Gefahr einer Infektion mit dem Corona-Virus. Natürlich versterben auch Menschen auf der Intensivstation, meist im höheren Alter und mit entsprechenden Vorerkrankungen. Auch wenn diese Situationen nicht leicht sind, so hatte man trotzdem Zeit diese zu verarbeiten. Durch die Pandemie hat sich das dramatisch verändert.
Die Patienten sind erschreckend jung und haben keinerlei Vorerkrankungen, man versucht jegliche intensivmedizinische Maßnahme jedoch reicht dies für viele nicht aus und man verliert den Kampf um das Leben trotz vollem Einsatz. Kaum ist dieser Mensch verstorben muss man ihn in einen Plastiksack einpacken und in den Kühlraum transportieren. Zeit um über das Erlebte, diesen Menschen zu sprechen und Anteil zu nehmen, bleibt nicht. Denn der nächste schwersterkrankte Patient wartet bereits auf seine intensivmedizinische Versorgung. Es fühlt sich an, als würde man an einem Fließband in einer Fabrik arbeiten. Nur das die Produkte Menschen sind.
2) Welche Erfahrungen haben Sie im letzten (Corona-) Jahr gesammelt und was möchten Sie den Menschen mitgeben?
Durch die Covid-Pandemie habe ich sehr viele menschliche Schicksale miterlebt. Noch nie zuvor war ich sooft mit dem Tod von Menschen konfrontiert. Menschen die Mitten im Leben standen, die gerade eine Familie gegründet haben oder deren Kinder gerade aus dem Elternhaus ausgezogen waren und sie sich auf die Zeit zu zweit freuten. In der 1. Covid-Welle war im gesamten Team eine sehr hohe Motivation spürbar, jeder war bereit selbst an die körperliche Belastungsgrenze und darüber hinaus zu gehen, nicht selten hatten Kolleginnen und Kollegen sowie ich selbst mit Schwindelanfällen, Kopfschmerzen und Kollapsen zu kämpfen.
Durch die Schutzkleidung schwitzt man extrem und kann jedoch gleichzeitig keine Flüssigkeit oder Nahrung zu sich nehmen. Nun bei der 4. Welle mit vorhandener Impfung sind es fast ausnahmslos Ungeimpfte um deren Leben man kämpfen muss. Das Mittel zur Beendigung dieser Pandemie ist für jedermann verfügbar und gratis erhältlich. Somit bleibt im Hinterkopf der drängende Gedanken, dass mit hoher Wahrscheinlichkeit, dass täglich mitanzusehende Leid dieser Menschen und die Verzweiflung und Traurigkeit derAngehörigen, vermeidbar gewesen wäre. Somit bleibt nur zu sagen: „Heast Leute, geht’s impfen“
3) Was sind fünf Sachen, die Sie als erstes machen möchten, nachdem sich die Lage wieder „gelegt hat“ bzw. ein wenig „Normalität“ in den Alltag wiederkommt?
Als erstes möchte ich mich wieder meiner Leidenschaft des Reisens widmen. Für mich gibt es nichts Schöneres als fremde Kulturen zu besuchen und entfernte Länder zu entdecken.
Als zweites möchte ich wieder spontan in ein Restaurant gehen können, ohne zuvor zu planen, wann ich einen Gurgeltest absolvieren muss.
Als drittes wünsche ich mir wieder mit einem anderen Menschen ein Gespräch führen zu können ohne Abstand und Maske, ohne Angst einer Infektion, ohne Sorge.
Als viertes möchte ich wieder vermehrt Zeit mit meiner Familie verbringen, im 2. Lockdown verstarb meine Oma plötzlich nach einem Sturz. Bis heute mache ich mir Vorwürfe, davor nicht öfters bei ihr gewesen zu sein, aus Angst sie anzustecken. Als
Fünftes möchte ich wieder vollkommen ungeniert eine große Party veranstalten, bei lauter Musik hemmungslos tanzen und wieder mich mit Menschen unterhalten, die nicht zu meinem engsten Freundeskreis zählen.